"He says we should bring poetry back to the streets" - G.M.
Poetry
Herbsttag
Braune Blätter fallen über Deutschland
Ist denn schon wieder Herbst?
Wölfe kleiden sich in schwarz, rot goldenes Gewand
Warten hungrig auf die Ideen des Merz
Ali sucht nach dem Bahngleis
Auf dem Weg nach Weg von hier
Die Sicht ist schlecht im Nebelweiß
Und braune Blätter fallen auf den Weg vor mir
Der Himmel weint über Gaza Stadt
Mutter bettet ihr Kind unter Schutt und Beton
Und braune Blätter fallen über Deutschland
Denn der Herbst hat begonn‘
Im Berghain schluckt ein Mensch ne Pille
Und im Mittelmeer schlug die Welle ein Mensch (A)
Zeitgleich fallen braune Blätter über Deutschland
Und die politische Mitte verfällt in Stille
Herbstspaziergang – trüber Morgen
Schnipp die Kippe in den Schlamm
Rastlos wandern – Kopf voll Sorgen
Braune Blätter fallen, doch was kommt dann?
- Jonathan Koch (16.02.2026)
Andre
Mir brannte das Herz in der Brust
Als ich mit dir gesprochen habe
Hier an Kassel-Wilhelmshöhe Hauptbahnhof
Als wärst du mir auf dem Weg nach Emmaus begegnet
Jedes Wort von dir voll Freundlichkeit
Jeder Satz gefüllt mit Klugheit und Witz
Junger Mensch in altem Gewand
Reiche Seele verkleidet als Bettler
Nichts kann dir deinen Stolz nehmen
Nichts bändigt deine Menschlichkeit
Kein verächtlicher Blick der verlorenen Passanten
Keine Nacht auf kaltem Beton
Nicht dein vom Staub bedecktes Gesicht
Oder deine zerschlissene Jacke
Können deine Schönheit verstecken
Denn sie strahlt aus der Tiefe deiner Selbst
Füllt deine Augen mit Liebe
Füllt dein Gesicht mit Leben und Sanftmut
Wenn du von deinem Sohn sprichst
Gräbt Furchen in deine Haut voll Sorgen
Bei dem Gedanken dass er dich sehen könnte
Wie du am Bahnhof nach Kleingeld fragst
Es zerreißt mir mein Herz in der Brust
Dass ein Mensch so arm sein muss
In diesem reichen Staat
Und doch bist du so viel reicher
Als dieses arme Land
Lächerlich geizig fühlt sich der Schein und die paar Zigaretten an
Die ich dir zum Abschied gebe
Unverdient großzügig die Umarmung
Die du mir zum Dank schenkst
Pass auf dich auf mein Freund
Lass dich nicht vom Klaren trüben
Denn du bist ein König
Der mehr als diese Welt verdient
Und der Himmel weint über Deutschland
Auch ich verdrücke eine Träne
Für dich Andre…
- Jonathan Koch (06.03.2026)
Vier Wände
Streife nachts durch die Gassen der Kleinstadt
Straßen verlassen – was ich mit ihnen gemein hab
Rastlosigkeit erfüllt jede Faser meines Seins
Müde vom Rennen – ich hab die Einsamkeit satt…
Schmiere noch ein letztes Gedicht an den kalten Stein
Bringe Farbe mit Worten
Mit schwarzem Stift auf grauen Beton
Bis die Kälte mir die Finger lähmt –
Die Nacht hat gewonn
Wo steht mein Stern, kleiner Prinz? Wann bin ich da?
Fühl mich so fern, obwohl Menschen ganz nah
Jetzt lieg ich am Boden meiner Wohnung
Zwischen meinen vier Wänden
Lache sie aus, weil sie nicht outside the box denken…
Prügel auf sie ein weil sie versuchen mich einzuengen…
Klammere mich mit zitternden Händen
An den kühlen Schein des Mondes
Der durch mein Fenster in mich dringt
Wer will mir vorschreiben
wo ich den Reim zu setzen hab?
Auf die zwei und die vier?
Ans Ende der Strophe, oder hier?
Fickt euch ihr vier Wände!
Wer braucht schon Reime, Rhythmus, Strophen und Verse?
Auch sie werden diese Welt nicht retten…
Also streife ich wieder durch die Gassen der Kleinstadt
Schreie Hochhäuser an und tanze am Marktplatz
Weine vor Freude weil mich der Wahnsinn befreit hat
Denn wenn es so ist wie Karl Marx sagt
Bin ich wohl eher Biene als Mensch
Weil die Tinte meine Feder verlässt
Bevor mein Geist auch nur eine Silbe geplant hat…
- Jonathan Koch (11.01.2026)
Ode to Berlin
Raw, empty, soulless
Fuck you, Berlin!
Hotel room, lonely, cigarette
Do you know who I am?
Concrete, rainy, stranger
Where did you go?
Living, dancing, crying
The show must go on!
False, fake, hypocrite
Hiding in the shades?
Pills, booze, needles
Sleep tight my friend
Streets, lights, corners
Do you know the way?
Hopeless, formless, homeless
Painting gray on gray
Wandering, straying, ponding
Can I come in?
No, No, No
Fuck you, Berlin!
- Jonathan Koch (12/2025)
Молитва (Molitva)
Schwerer Fels ruht
Auf gläsernen Säulen
Roher Beton
In Seide gehüllt
Kaltes Herz ruht
In warmen Händen
Leerer Raum
Mit Sonne gefüllt
Einsame Seele ruht
In Freundes Armen
Letztes Gebet
Ins All gebrüllt:
Armer Mensch – Du armer Mensch!
So viel Hass auf dich und auf die Welt
Rastloser Geist – finde nun Ruh
Des Zornes Hitze hauch Kühlung zu
- Jonathan Koch (31.12.2025)
The Art and the Fool
A fool who tries to reduce art
to the 26 letters of the alphabet
to the 10 megapixel of a photograph
I shall be the greatest of all fools
For I want to carry you with me
Keep a fragment of your aesthetics in my pocket
You say you wish to feel beautiful
So I will show you your beauty
Limited by the boundaries of my vocabular
But limitless in the parameters of my imagination
Oh I wish you could see what I see
How you walk
- Proud like the hilltop of Mount Urgull
How your gaze roams over the world
Gentle like a summer breeze
That wanders the allyways of Bilbao
How your body rises and falls
Elegant like the coastline of San Sebastian
How you find grace in the wornout man
Who sits alone in front of the old tavern
Oh, forgive me for binding you without consent
In these scribbled-down lines
With this simple piece of paper
On a rainy day in London
With nothing but a rhythm in my head
And you in my heart
- Jonathan Koch (10/2024)
Montenegro
Gib mir nur 30 Minuten und eine Zigarette
Ich reiße sie nieder –
Brutalistische Bauten aus Beton
Verkrustete Ideologien
unter dem Deckmantel der Moral.
Breche durch den Asphalt –
Male die grauen Wände bunt,
nur um den Film in schwarz-weiß zu entwickeln.
Verschlinge mich nicht mit deinem Blick,
aus deinen Augen so braun,
wie der Mokka in dem Café unter der Brücke.
Werfe es den Alten nicht vor –
denn auch sie waren mal jung.
Und auch du wirst mal alt.
Gib mir Halt,
wenn die Fluten mir die Beine unter dem Körper entreißen.
Küsse mich zu den letzten Strahlen des letzten Tages,
unter der untergehenden Balkansonne,
im Schatten des Schwarzen Berges.
Und eines noch:
Jede Idee ist eine Konversation,
die so lange lebt,
bis sie irgendwann zu Ende erzählt ist.
- Jonathan Koch (09/2025)
Like a Fungus
We got it all wrong
Misunderstood societie's lullaby
Not its rebelling melody is
What threatens our kind
But the homogenous rhythm
That subordinates our harmonic chaos
If we don't shatter the monopolies into pieces
And unveil populism's twisted tongue
The us will turn into me
Not the beautiful me
That in its entirety make the whole of us
But the me that is singular
Ripped of all its colours and contradictions
We will be
Nothing more but a Fungus
Just a meaningless cell of a monotonous organism
Nothing more but a bee hive
Just a function of a soulless system
Not us but me
Not me but me
Just me
- Jonathan Koch (02/2025)
Wie der Wind
Kalter Wind
die Finger taub
Spüren kaum die Zigarette
die sie umklammern
Wie Hoffnung
Hier im zwölften Stock
über den Dächern der Stadt
Lunge voll Rauch
Gesicht bedeckt vom Staub
Klein wie Ameisen
Doch Gedanken groß wie Berge
Funkeln im Dunkel der Nacht
wie der Funke der Kippe
der auf meiner alten Jacke verglüht
Schreib ich ein Gedicht in deinen Reisepass
Denn ich weiß doch, dass
dich die Ferne zu sich ruft
flüchtig wie der Wind
Der mir das Papier aus den Fingern reißt
auf dem ich dich mit Worten zu begreifen suche
- Jonathan Koch (12/01/2024)
Giants
Where did the giants go?
Where are the big thinkers of past times
Who daredevil wrestled with absurdity
The fishermen who caught Leviathans
with their wide-meshed fishing nets
Where did the giants go?
On whose shoulders we could stand
To marvel the beauty of reality
To hold onto, when earthquakes shattered our believes
Where did the giants go?
Who took the scattered pieces of human wisdom
And recomposed them into fickle coloured mosaics
Not to shackle truth but to create beauty and meaning
Where did the giants go?
Who inspired poets and philosophers
Who sparked wars over intellectual dominance
And brought about kingdoms downfall
Where did the giants go?
Who made sense of senselessness
Like a friend comforting you in times of sorrow
Like a mother who covers her child
with a blanked made of diligence
The giants are dead!
And their offspring degenerated to toothless critters
Absent-minded hunting for butterflies instead of Leviathans
Ignorant of the sun that hides behind the shadows
of their ancestors
But a new giant is emerging
Forged in the fires of human suffering
Ready to grapple with meaning and absurdity
Ready to guard us from despotism and madness
Come, you nameless giant!
Sweep away the dust of epistemic laziness
Flood the dried out gardens of curiosity
Decapitate the tyranny of human arrogance
- Jonathan Koch (09/12/2023)
Gemeinsam Einsam (Zur Verlobung von E. und L.)
Allein sein, bis man gemeinsam sein kann
Allein einsam, oder gemeinsam zweisam?
Oder doch gemeinsam einsam?
Vielleich irgendwann dann dreisam
Doch erstmal gemeinsam zweisam
Über große Entfernung gemeinsam einsam
Das Leben kann oft gemein sein!
Doch lieber gemeinsam einsam, als einsam allein sein.
Wie schön, wenn man gemeinsam weinen kann.
Irgendwann dann wieder zusamm' einsam
nicht gemeinsam einsam sondern einsam weil gemeinsam
weil nur die Liebe zwei vereinen kann
So wird aus einsam zweisam und aus zwei eins dann.
Drum lasst uns gemeinsam feiern
Dass zwei Menschen dann eins war'n
Darauf stoßet zusamm' mit Wein an
Ach, wie schön das Leben doch sein kann!
- Jonathan Koch (06/12/2023)
Bin ich unendlich?
Ich erinnre mich nicht wann ich wurde
als ob ich schon immer war
Noch weiß ich wann ich gewesen
als ob ich für immer da
Gefangen im Moment, scheinbar für ewig
Ich bin einfach - Ich bin
Doch seh' ich um mich Neues entstehen
Und ebenso seh' ich Altes vergeh'n
Nur ich bin einfach - Ich bin
Für manche bin ich entstanden
Für and're werd ich vergeh'n
Für mich bin ich einfach - ich bin
Bin ich unendlich?
Was bin ich für dich?
Für dich möchte ich sein -
Ob unendlich oder nicht
- Jonathan Koch (10/2023)